S T O R Y

Der Krieg zwischen Shiftern und Vampiren ist vorüber. Die übernatürlichen Wesen der Stadt versuchen sich neu zu ordnen. Nicht Jeder begrüßt den Frieden.

BITTE LEST DIE NEWS DAZU!
P L O T

Alte Freunde und Feinde
... unserer New Yorker Bewohner, halten Einzug in die Stadt. Nicht jedes dieser Wiedersehen wird gut ausgehen. Wird die Vergangenheit die Zukunft der Stadt beeinträchtigen?

Gekidnappt
Übernatürliche Wesen verschwinden spurlos. Hat eine neue unbekannte Gefahr es auf die Jäger der Stadt abgesehen?
I N P L A Y

Januar 2017 - April 2017

ACHTUNG!
Immer noch Unruhen in der Stadt // Die Menschen sind skeptisch // Zahl vampirneugieriger Touristen 2017 bei 60,5 Mio.
T E A M

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Nevermore: The Echoes of a Broken Wing
#1
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THE HIGHTSTOWN GAZETTE

Ausgabe vom 21. April 1995

BLUTBAD AN HIGH SCHOOL: 17-JÄHRIGE RICHTET ELF MENSCHEN HIN


HIGHTSTOWN, NJ- Die beschauliche Kleinstadt Hightstown steht unter Schock. Was als normaler Dienstagmorgen an der hiesigen High School begann, endete in der schlimmsten Tragödie der Stadtgeschichte. Die 17-jährige Schülerin Samantha H. eröffnete schwer bewaffnet das Feuer auf Mitschüler und Lehrkräfte. Elf Menschen verloren ihr Leben, bevor die Polizei das Grauen beenden konnte.

Gezielter Hass: Das Schicksal von Tiffany Sherfield

Augenzeugen berichten von panischen Szenen, als die Jugendliche am 18ten April gegen 08:15 Uhr die Gänge der Schule betrat. Die Täterin ging dabei mit erschreckender Kaltblütigkeit vor. Besonders abgesehen hatte sie es offenbar auf Tiffany Sherfield (17), eine der beliebtesten Schülerinnen des Abschlussjahrgangs. Samantha H. stellte ihre Mitschülerin im Korridor und schoss ihr aus nächster Nähe mit der Schrotflinte ins Gesicht. Tiffany war sofort tot.

Ihr Vater, Arthur Sherfield, Vorsitzender des Elternbeirates und prominenter Bürger der Stadt, äußerte sich tief erschüttert gegenüber unserer Redaktion: „Das war kein normaler Amoklauf, das war pure, hasserfüllte Exekution. Diese Bestie hat das Gesicht meines Engels komplett zerstört. Es gibt keine Strafe auf Erden, die gerecht genug für dieses Monster wäre. Die Schule hätte schon viel früher sehen müssen, wie gefährlich dieses Mädchen ist.“

Unter den weiteren Todesopfern befinden sich neun Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren, ein langjähriger Geschichtslehrer sowie der Hausmeister der Schule, der sich der Schützin mutig in den Weg stellen wollte.

Zerrissenes Meinungsbild unter den Schülern


Während die Stadt in tiefer Trauer versinkt, zeigt sich auf dem Schulhof ein überraschend gespaltenes und beunruhigendes Bild. Viele Schüler sind fassungslos und weinen um ihre Freunde. Doch hinter vorgehaltener Hand äußern sich einige Jugendliche merkwürdig distanziert – manche zeigen sogar offenes Verständnis für die Tat.

„Tiffany und ihre Clique haben Sams Leben zur Hölle gemacht“, behauptet ein anonymer Mitschüler. „Sie wurde jeden Tag gedemütigt, weil sie arm und anders war. Ich heiße den Mord nicht gut, aber ganz ehrlich? Niemand von uns ist überrascht, dass Sam irgendwann zurückgeschlagen hat. Sie hat nur das getan, wozu die Lehrer zu feige waren: Dem Terror ein Ende zu setzen.“ Andere Schüler berichten von einer fast hypnotischen, unheimlichen Ausstrahlung, die Samantha H. in den Wochen vor der Tat entwickelt hatte.

Die Tragödie hinter verschlossenen Türen


Das Ausmaß des Schreckens wurde erst vollends deutlich, als Ermittler das Wohnhaus der Familie H. am Stadtrand durchsuchten. Dort fanden Beamte die Leiche des Vaters, Harlan H. (46), ein dekorierter Vietnamveteran. Ihm war bereits in den frühen Morgenstunden im Schlaf die Kehle durchgeschnitten worden. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Täterin ihren Vater ermordete, um an die Schlüssel des Waffenschranks zu gelangen.

Die Verhältnisse in dem verfallenen Haus waren in der Nachbarschaft kein Geheimnis. Ein direkter Anwohner, der anonym bleiben möchte, äußerte sich düster: „Eigentlich hätte man sich das fast denken können. Ihr Vater war ständig besoffen, hat nachts auf dem Grundstück rumgeschrien und vor ein paar Monaten auch noch seinen Job verloren. Das Mädchen tat einem in dieser Bruchbude fast leid. Zumindest bis jetzt.“

Schusswechsel mit der Polizei


Nach dem Amoklauf verschanzte sich die jugendliche Massenmörderin in ihrem Jugendzimmer. Als die Spezialeinheiten das verfallene Gebäude umstellten, feuerte die 17-Jährige aus dem Fenster und verletzte einen Officer schwer. Der Zugriff erfolgte unter massivem Gegenfeuer. Samantha H. wurde von einer Kugel im Kopf getroffen und brach zusammen.

Wie durch ein Wunder überlebte die junge Frau den Schusswechsel und liegt derzeit unter strengster Bewachung im künstlichen Koma. Das FBI hat die Ermittlungen übernommen.


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Die verlassene Hightstown High School im Jahr 2017

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Das Hawthorn Haus ebenfalls im Jahr 2017
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#2
Entry #23: Nevermore is a Promise, Not a Myth

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Manhattan. Ich inhaliere die schale, verpestete Abendluft, während das glühende Ende meiner Kippe den einzigen Fixpunkt auf dieser verdammten Feuerleiter bildet. Unter mir: der ewige, stumpfsinnige Lärm der Straße. Von hier oben hat man die perfekte Scharfschützenposition. Ich blicke hinab auf die Ameisen, die unten durch den Dreck wuseln oder bereits besoffen in der Gosse verenden.

Manhattan, du dreckige Hure. Du hast mich nicht mit offenen Armen empfangen. Du hast mir nur Asyl gewährt. Als Monster unter Monstern.

Meine Augen huschen nervös von links nach rechts, die Pupillen geweitet. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir wieder die Fingernägel abkaue, bis das rohe Fleisch brennt. Paranoia – die einzige Geliebte, die meiner kaputten Existenz je treu geblieben ist. Plötzlich das Heulen von Sirenen. Ich zucke zusammen. Jedes Mal derselbe neuronale Kurzschluss in meinem Kopf. So vertraut. So verdammt nah.

Dabei habe ich erst vor Kurzem ein weiteres Stück meiner Vergangenheit gekappt. Meine Finger schließen sich fester um die blutige Porzellanscherbe in meinem Geist. Warum lässt mich der Scheiß dann nicht in Ruhe?! Warum reißt jede Erinnerung nur einen noch tieferen, klaffenden Krater in mein Hirn?

Ein Flattern. Ein Rabe landet auf dem Sims des gegenüberliegenden Gebäudes.

Könntest du es sein?

Ich spüre ein hysterisches Kichern in meiner Kehle aufsteigen. Nein. Sicher nicht. Das wäre zu optimistisch, zu sehr Hollywood, zu sehr Happy End. Und Happy Ends sterben in meiner Welt als Erstes. Wahrscheinlich bist du nur ein weiteres Produkt meiner verrottenden Fantasie. Aus einem offenen Fenster im Stockwerk unter mir dudelt The Sign von Ace of Base. Ironisch. Pop-Müll als Soundtrack für den Untergang.

Ich nehme einen letzten, tiefen Zug, spüre das vertraute Kratzen in der Lunge und schnippe den brennenden Stummel zielsicher nach unten in das geöffnete Fenster. Im selben Moment fliegst du auf. Weg. Einfach weg. Zurück bleibt nur eine einzelne, pechschwarze Feder, die träge vor meine Füße segelt. Das wütende Fluchen und Husten aus der Etage unter mir nehme ich schon gar nicht mehr wahr. Sollen sie doch brennen.

Ich hebe die Feder auf. Betrachte sie im fahlen Schein der Straßenlaterne. Nevermore. Ein grimmiges Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen, während ich sie in die Tasche meiner zerrissenen Jeans schiebe. Man weiß nie, wann man einen verdammten Talisman braucht.

Drinnen lasse ich mich auf das ausrangierte, knarrende Sofa fallen. Es gibt ein Geräusch von sich, das der Intensität meines Magenknurrens erschreckend ähnelt. Der Hunger kriecht mir die Wirbelsäule hoch. Vom Couchtisch fische ich eine halbleere, fettige Pappschachtel aus Chinatown. Die kalten Nudeln gleiten wie dünne, tote Schlangen durch meine Lippen. Ich kaue mechanisch.

Nun werden sie mich suchen. Wieder einmal. Das Spiel beginnt von vorn. Ich darf nichts überstürzen, ich brauche einen Plan, einen klaren Kopf… verdammt, ich brauche einfach nur Ruhe. Ich schmeiße Dirt von Alice in Chains in den alten CD-Player. Layne Staley jammert mir aus den Boxen entgegen, während ich diese Zeilen in das Papier kritzel. Als Nachtisch gönne ich mir ein Stück schwarzer Schokolade. Bitter und düster. Wir sind quasi Seelenverwandte.

Dann klopft es an der Tür.

Mein Herz macht einen Satz, die Instinkte fahren auf ein Maximum hoch. Ich schleiche zur Tür, der Atem flach. Durch den Spion erkenne ich einen Kerl in einem zerknitterten Anzug. Vertreter? Zeuge Jehovas? Ein Niemand.

Ich öffne die Tür einen Spalt breit und lehne mich lässig in den Rahmen. Meine Augen fixieren seine. Er will mir irgendeinen wertlosen Scheiß andrehen – und ich? Ich will ihm den Verstand rauben. Mein letzter echter „Snack“ ist schon viel zu lange her, und ein Junkie braucht eben irgendwann seinen nächsten Schuss. Ich lasse die Illusion fließen, sehe, wie seine Pupillen sich weiten, wie er willenlos wird.

Einige Zeit später schleicht er aus meiner Wohnung. Er sieht blass aus, leer, ein bisschen älter als vorher. Und ich? Ich spüre das dämonische Blut heiß durch meine Adern pumpen. Die Erschöpfung ist weg, weggespült von seiner Lebenskraft. Aber das Flüstern in meinem Kopf stoppt nicht.

Ich lege mich aufs Bett, starre an die rissige Decke und reiße eine Packung Schlaftabletten auf. Drücke mir drei, vier Pillen aus dem Blister. Vielleicht schaffe ich es ja, mich tief genug zu betäuben, bis der Morgen naht und die Dämonen der Nacht schlafen gehen.

Oder bis ich selbst wieder aufwache.
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#3
Rape my mind

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Zeitachse 1995-2005

Die Kugel frisst sich durch meinen Schädel, peitscht mein Haar auf wie ein Nest wilder, sterbender Schlangen. Zeitlupe. Ich stürze zu Boden und ziehe eine dicke, heiße Spur aus Rot über das vermoderte Laminat. Fuck. Sterben ist anders, als diese verlogene Welt es einen weiß machen will. Kein Licht, keine Erlösung. Vielleicht war es pures Glück, dass mein Stammhirn nicht zerfetzt wurde, vielleicht hatte das Schicksal aber auch einfach nur sadistische Pläne mit mir. Karma ist unbarmherzig – und mein persönliches Fegefeuer bestand darin, weiter zu atmen. Gefangen in einem fiebrigen, zähflüssigen Albtraum zwischen den Welten.

Ich will schreien, der Schmerz kocht in meiner Kehle, doch statt eines Lautes würge ich nur pechschwarze Federn hoch. Mein Geist driftet ab, zurück in dieses Elend von Zimmer. Ich öffne eine Schublade meiner Erinnerung und starre auf dein zerknittertes Bild. Es liegt direkt neben einem von Harlans alten, fleckigen Männermagazinen, verklebt von billigem Schnaps. Du hast diese kühle, verlebte Schönheit, Chelsea. Wasserstoffblondes Haar, das das spärliche Licht bricht, und dieses arrogante Grinsen. Dem meinen ebenbürtig. Aber ich war dir wohl egal, denn du hast mich sitzen lassen. Hier bei ihm. In der absoluten Finsternis. Gefangen in einem Mikrokosmos aus purem Hass, Missbrauch, Gewalt und dem trügerischen Kitsch einer heilen Vorstadtidylle. Ich hasse dich dafür. Ich brauche dich. Und ich werde dich suchen, bis ich dich finde.

Ich fahre hoch, erwache in einem sterilen, nach Desinfektionsmittel und Angst riechenden Raum, umzingelt von Polizisten und einer zitternden Krankenschwester. Sie gaffen mich an, als wäre ich eine frisch entdeckte, abartige Spezies. Naja, vielleicht stimmt das sogar. Ich schweige. Worte sind verschwendete Energie. Mein Statement habe ich bereits abgegeben – eine Remington-Shotgun spricht nun mal lauter als tausend Worte. Aber diese Geier geben sich nicht zufrieden. Sie sind wie Parasiten, die sich in eine frische Wunde fressen, gierig nach Sensationen, bis sie vollgesaugt sind. Und mich nennen sie ein Monster?

Sie päppeln meinen zerschossenen Körper auf, gerade so weit, dass ich nicht verrecke, und halten mir ein Mikrofon vor die spröden, verkrusteten Lippen. Das aufgeregte Reden des Reporters rauscht an mir vorbei wie das tote Störgeräusch eines alten Radiosenders. Fragen über Fragen. Ein einziger akustischer Brei. Ich ignoriere sie alle, bis dieses eine Wort durch den Raum hallt: „Warum?“
Die Kamera zoomt brutal nah auf mein blasses Gesicht, auf den dicken Verband um meine Stirn. Meine Miene bleibt kalt wie Stein, nur ein winziger, spöttischer Anflug eines Lächelns stiehlt sich auf meine Lippen. Mein Blick fixiert das Objektiv – seelenlos, schwarz, direkt in die Wohnzimmer von Millionen von Heuchlern.

„Weil ich es konnte.“

Totenstille. Die Kamera läuft weiter, während meine eigene raue, kaputte Stimme in meinen Ohren nachhallt. Schon seltsam, wie ein einziger Satz eine ganze Nation bis ins Mark erschüttern kann. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich mächtig.

Doch der Rausch verfliegt schnell. Sie führen mich ab. Die nächsten Jahre in den sterilen, endlosen Fluren der Psychiatrie fühlen sich an, als würde ich knietief durch Teer waten. Jeder Schritt zieht mich tiefer in den Sumpf.

Dann kam Dr. Vane. Der leitende Psychiater. Er roch nicht nach der üblichen Mischung aus billigem Kaffee und falschem Mitleid. Seine Aura war anders – dunkel, schwer, vibrierend vor unterdrückter Macht. Ähnlich der meinen. Wenn er die schwere Stahltür hinter sich schloss, veränderten sich seine Augen; das Weiß darin schien für Sekundenbruchteile von einer schwärzlichen Trübung verschlungen zu werden. Er verabreichte mir ein Mittel, das tief in meine Venen biss. Tausendmal stärker als jedes herkömmliche Beruhigungsmittel. Eine süße, lähmende Betäubung. Wenn er mit seinem tiefen Bariton zu mir sprach, strich mir eine unsichtbare, eiskalte Präsenz über die Kopfhaut.

„Du bist etwas Besonderes, Samantha“, raunte er, während er mir eine weitere Dosis verpasste und mich kalt anlächelte. „Aber sie dürfen es nicht erfahren. Diese Menschen sind nicht bereit für das, was wir sind. Noch nicht. Lass sie glauben, du seist gebrochen.“

Er schützte mich vor der Außenwelt, hielt die anderen Ärzte fern, um mich als sein eigenes, privates Forschungsobjekt im Tiefschlaf zu halten. Erst Jahre später begriff ich, was er wirklich war: Ein Raubtier im Maßanzug, ein Dämon, der sich am Wahnsinn der Sterblichen labte und in mir eine zukünftige Bedrohung – oder die perfekte Verbündete – sah.

Das Zeug hielt die kranken Träume im Zaum. Ich vegetierte vor mich hin, schlief mehr, als ich wach war. Ich fraß kaum etwas, lud meine dämonische Batterie nicht auf. Ich vertrocknete wie eine Zimmerpflanze, die man in einer dunklen Ecke verrotten lässt.

Bis Jeff auftauchte. Ein pflichtvergessener Pfleger mit gierigen Augen, der meine katatonische Hilflosigkeit für eine Einladung hielt. Für ihn war ich nur eine lebendige Puppe aus Fleisch und Blut. Seine Hände wanderten überallhin, verletzten die Grenzen, die ein Pfleger einhalten sollte. Er flüsterte mir leise, zärtliche Worte ins Ohr, während er mich wusch. Diese trügerische, verlogene Sanftheit… genau wie mein Vater, wenn er nach billigem Alkohol stinkend nachts an mein Bett schlich und mir ein geheucheltes „Ich liebe dich“ ins Ohr säuselte. Welche bodenlose Verhöhnung.

Ein absolut erbärmlicher Mensch. Aber solche Menschen haben einen großen Vorteil: Sie sind nützlich, wenn man weiß, wie man sie benutzt.

Ich spielte das leblose Wrack, sparte jede noch so winzige Faser meiner Kraft. Eines Nachts zog er mich tiefer in die Eingeweide der Anstalt, hinab in den feuchten, dunklen Keller, wo die ausrangierten Betten und Rollstühle zwischen Spinnenweben und zentimeterdickem Staub standen. Er drängte mich auf eine alte Matratze, blind vor Verlangen, und dachte nicht im Traum an Gegenwehr.

Dummer Fehler, Jeff.

In dem Moment, als sein Atem mein Gesicht traf, zündete der Funke. Mein dämonisches Blut, das Dr. Vane so lange betäubt hatte, kochte schlagartig hoch. Ich spürte das Pochen seiner Halsschlagader, die pralle Lebenskraft, die durch seine Venen schoss. Mit einer plötzlichen, unnatürlichen Schnelligkeit warf ich mich herum und saß auf ihm. Meine Finger schlossen sich um seine Kehle wie eiserne Krallen.

Er glotzte mich mit großen Augen an, hielt es im ersten Moment für ein sadomasochistisches Spiel, einen gefährlichen Rollentausch. Er begriff gar nichts. Erst als ich anging, seine Energie zu saugen, schlug das Vergnügen in nackte Todesangst um.

Es war kein normales Würgen. Ich trank ihn regelrecht. Ich spürte, wie seine Lebensenergie – heiß und berauschend – durch meine Hände direkt in meinen ausgetrockneten Kern floss. Ein Erwachen. Ein brutaler Rausch, intensiver als jede Droge. Seine Haut wurde aschfahl, seine Augen trübten sich, während meine eigenen Wunden aufhörten zu brennen und die Kraft in meine Muskeln zurückkehrte. Als er schlaff unter mir zusammenbrach, zuckte sein Körper nur noch einmal kurz. Tot. Ausgesaugt bis auf den letzten Rest.

Ich verlor keine Zeit. Ich zog seine Pfleger-Uniform an und ließ den leblosen Körper im Staub zurück. Auf dem Weg nach oben spürte ich Vanes Präsenz in seinem Büro – er wusste, dass ich frei war. Ich spürte sein amüsiertes, lauerndes Gedankenecho in meinem Kopf: Lauf, Samantha. Zeig mir, was in dir steckt. Er hielt mich nicht auf. Er wollte sehen, wie das Monster jagen geht.

Am Ausgang versperrten mir zwei Nachtwächter den Weg. Ich fixierte ihre müden Augen, atmete den Duft von Jeffs Parfüm ein, der noch in der Uniform hing, und warf meine Kräfte nach vorne. Ich verzerrte den Raum, wob eine dichte Illusion um ihre Sinne. Sie sahen nicht die gesuchte Amokläuferin Samantha. Sie sahen Jeffs Gesicht, das ihnen ein gehetztes „Schönen Feierabend, Jungs“ entgegengrinste.

Das Summen der elektronischen Türverriegelung klang wie Musik in meinen Ohren. Das Tor schwang auf. Die kalte Nachtluft von New Jersey schlug mir ins Gesicht – und die Dunkelheit hieß mich endlich wieder willkommen.
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#4
The Midnight Absence

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Oktober 2016

„Mach dir nicht in die Hose, Mann!“ Die junge Frau zückte ein zerkratztes Zippo. Mit einem metallischen Klick erwachte die Flamme zum Leben und tanzte vor der Zigarette, die lässig in ihrem Mundwinkel hing.

„Mach ich nicht…“, knurrte der Mitzwanziger mit dem spärlichen Oberlippenflaum. Seine Augen wanderten hinauf zu der desolaten Ex-Schule. Beinahe ehrfürchtig, umgeben von einer friedhofsähnlichen Stille, ragte der marode Betonklotz im fahlen Licht des Mondes auf. „Aber wenn man direkt davor steht… ich meine, das ist schon ein ganz anderes Feeling als auf den Fotos im Netz.“

Sie grinste frech, warf die Kippe zu Boden und drehte sie mit dem Absatz ihrer Boots langsam um. „Dein heutiger Mut soll belohnt werden, du weißt, was ich meine?“ Sie setzte ihr verführerischstes Lächeln auf und drückte ihm einen schweren Bolzenschneider in die Hand.

Er schluckte, doch ein gieriges Grinsen stahl sich auf seine Lippen. „Ich nehm dich beim Wort, du kleines Luder.“ Sein Atem ging flach und schnell, als er die Backen des Werkzeugs ansetzte. Mit einem dumpfen, hässlichen Knacken kappte er die schwere Eisenkette, die das provisorische Gittertor verschlossen hielt. Er ließ den schweren Bolzenschneider achtlos ins nasse Gras fallen. 

Das Geräusch des fallenden Metalls hallte tief in das Innere des verlassenen Gebäudes hinein. Vielleicht war es dort drüben doch nicht ganz leer – hier und da war ein schabendes Rascheln zu hören. Ihre Taschenlampen schnitten durch das Dunkel und brachten Myriaden von Staubpartikeln zum Tanzen. An den Wänden des Korridors blätterte die türkisfarbene Farbe wie vertrocknete Haut ab. Und darunter: vereinzelte dunkle, eingetrocknete Spritzer. Einschusslöcher.

Er fuhr mit dem Zeigefinger die scharfkantige Eindellung in einem der Spinde nach. „Heftig. Kannst du dir vorstellen, von so einer Ladung voll getroffen zu werden?“

Keine Antwort.

„Miranda?“ Seine Stimme verkam zu einem hohlen Echo in den kalten Fluren. Jedes noch so kleine Geräusch schien in dieser Grabesstille doppelt so laut widerzuhallen.

Direkt an seinem Ohr ertönte plötzlich das hölzerne Tschack-Tschack einer durchladenden Schrotflinte. Er schreckte auf, prallte hart gegen die Spinde und fluchte laut: „Fuck! War doch klar!“

Das Lachen des Mädchens gellte schrill von den toten Wänden wider. Sie genoss seine Angst, legte die Arme um seinen Hals und zog ihn zu einem wilden Kuss heran. „Du machst es mir aber auch zu leicht. Komm, gehen wir weiter.“ Nun nahm sie seine Hand und zog ihn tiefer in die Dunkelheit.

Plötzlich schälte sich eine gebückte Gestalt mit einem Rucksack aus den Schatten und steuerte direkt auf sie zu. Hastig wich das Paar auseinander. Der schemenhafte Junge drehte den Kopf langsam zu ihnen um. „Tut mir leid…“, flüsterte er tonlos im Vorbeigehen. Als er an ihnen vorbei war, beleuchtete der Strahl ihrer Taschenlampe seinen Rücken: Ein klaffendes, zerfetztes Loch zwischen seinen Schulterblättern, der Stoff des Rucksacks war von der Schrotladung regelrecht zerfressen.

„Fuck!“, schrie Miranda auf und krallte sich in seiner Jacke fest. „Hast… hast du den Scheiß auch gesehen?!“

Er nickte nur stumpf und versuchte vergeblich, den dicken Kloß im Hals herunterzuschlucken. „Wir sollten gehen. Ganz raus, sofort.“

Die beiden kehrten um und eilten zurück zum Eingangstor – doch die durchtrennte Eisenkette war wieder wie von Geisterhand stramm um die Gitter gewickelt. „Was zum Teufel ist hier los?!“, schrie er und rüttelte panisch am Metall. Nichts bewegte sich.
Irgendwo da draußen, im nassen Gras auf der anderen Seite des Gitters, lag der Bolzenschneider – unerreichbar.

In ihrer puren Verzweiflung rannten sie tiefer in die Eingeweide der maroden Schule. Es roch unerträglich nass und muffig, nach Verfall, Schimmel und nackter Verwesung. Erst als sie sich der Sporthalle näherten, veränderte sich die Atmosphäre. Geisterhaft und seltsam verzerrt schwirrte der Song Gipsy von Fleetwood Mac durch den Raum. Er drückte Mirandas Hand so fest er konnte, während sie zögerlich durch die schwere Tür traten.

Durch die hochgelegenen, zerbrochenen Fenster der Tribüne fiel fahles Mondlicht in die Halle und spiegelte sich matt auf den Splittern einer am Boden zerschmetterten Discokugel.

Mitten im Raum tanzte die Gestalt einer jungen Frau. Sie trug ein pastellblaues Kleid, das sanft um ihre Beine wehte. Ihr blondes, lockiges Haar flog bei jeder Drehung durch die Luft und tauchte ihr Gesicht abwechselnd in Licht und Schatten.

„Ähm… hallo?“, seine Stimme zitterte so heftig, dass er kaum ein Wort herausbrachte.

„Oh, hi“, hauchte die Blondine mit einer sanften, beinahe melodischen Stimme. Mit dem nächsten Schritt schien sie die physikalischen Gesetze zu brechen – plötzlich stand sie direkt vor ihm. „Ich habe euch gar nicht bemerkt. Seid ihr neue Traumatouristen?“

Sie drehte den Kopf zu Miranda. Das Mädchen hielt den zittrigen Kegel der Taschenlampe starr auf das Gesicht der Erscheinung. Der helle Lichtstrahl enthüllte das nackte Grauen: Die linke Gesichtshälfte war zerfetztes, verkohltes Fleisch, in dem noch immer die schwärzlichen, glühenden Rückstände von Schrotkugeln steckten.

Die Taschenlampe entglitt Mirandas tauben Fingern, schlug auf den Boden auf und wirbelte Staub auf, während ein markerschütternder Schrei die Halle zerriss. Panisch stolperten die beiden rückwärts, stürmten auf die Flügeltüren zu – doch mit einem ohrenbetäubenden Knall schlugen die Türen vor ihren Nasen zu.

Im selben Moment riss der seichte Popsong im Hintergrund mit einem hässlichen Kreischen ab. Totenstille.

Sie wagten kaum, sich umzudrehen, als ein eiskalter Hauch ihre Nacken streifte und eine Stimme wie schabendes Glas ertönte: „Ihr habt keine Ahnung, wie es ist, hier festzustecken. Ihr verehrt die Schlampe, die das getan hat, noch immer. Deswegen seid ihr doch hergekommen, oder? Doch nun gibt es kein Entkommen mehr. Wir waren genau wie ihr. Jung, neugierig, geil. Wir haben uns auf den Abschlussball gefreut.“

Der Geist schwebte nun langsam um sie herum, ein unsichtbarer Druck zwang ihre Köpfe nach oben, sodass sie in ihr entstelltes Gesicht blicken mussten.

„Bitte! Es… es tut uns leid! Wirklich! Alles, was euch passiert ist!“, wimmerte der Junge schweißgebadet. „Genau! Es war grauenvoll, was man euch angetan hat. Besonders dir… ähm, Tiffany. Richtig?“ Pflichtete Miranda bei.

Nun verzog sich Tiffanys Gesicht zu einem grotesken, breiten Grinsen, das die freiliegenden Kieferknochen entblößte. „Es tut euch leid?“, krächzte sie, während zähflüssige, dunkle Tropfen von ihrem Kinn auf den Hallenboden klatschten. „Euch sollte eher leidtun, dass ihr uns stört! Dass ihr uns einfach nicht in Ruhe lasst! Nicht mal im Tod ist man vor euch Wichsern sicher!“

Ein tiefes, furchteinflößendes Dröhnen ließ den Boden erzittern. Aus den rissigen Wänden, aus den Schatten der Tribünen und dem staubigen Boden schälten sich nun mehrere Gestalten. Es waren die zerschundenen, blutüberströmten Körper der Schüler, des Lehrers, des Hausmeisters. Ihre leeren Augen fixierten das lebende Paar.

„Aber es ist Abschlussball“, flüsterte Tiffany, während sich ihre verbrannten Finger um die Hände der beiden legten, „also lasst uns tanzen!“

Draußen in der Nacht schlossen die wenigen verbliebenen Anwohner der Siedlung hastig ihre Fenster, um die gequälten, gellenden Schreie zu dämpfen, die noch stundenlang aus der alten Schule drangen.
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