23.05.2026, 22:38 - Wörter:
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 25.05.2026, 07:12 von Samantha Hawthorne.)
The Midnight Absence
Oktober 2016
„Mach dir nicht in die Hose, Mann!“ Die junge Frau zückte ein zerkratztes Zippo. Mit einem metallischen Klick erwachte die Flamme zum Leben und tanzte vor der Zigarette, die lässig in ihrem Mundwinkel hing.
„Mach ich nicht…“, knurrte der Mitzwanziger mit dem spärlichen Oberlippenflaum. Seine Augen wanderten hinauf zu der desolaten Ex-Schule. Beinahe ehrfürchtig, umgeben von einer friedhofsähnlichen Stille, ragte der marode Betonklotz im fahlen Licht des Mondes auf. „Aber wenn man direkt davor steht… ich meine, das ist schon ein ganz anderes Feeling als auf den Fotos im Netz.“
Sie grinste frech, warf die Kippe zu Boden und drehte sie mit dem Absatz ihrer Boots langsam um. „Dein heutiger Mut soll belohnt werden, du weißt, was ich meine?“ Sie setzte ihr verführerischstes Lächeln auf und drückte ihm einen schweren Bolzenschneider in die Hand.
Er schluckte, doch ein gieriges Grinsen stahl sich auf seine Lippen. „Ich nehm dich beim Wort, du kleines Luder.“ Sein Atem ging flach und schnell, als er die Backen des Werkzeugs ansetzte. Mit einem dumpfen, hässlichen Knacken kappte er die schwere Eisenkette, die das provisorische Gittertor verschlossen hielt. Er ließ den schweren Bolzenschneider achtlos ins nasse Gras fallen.
Das Geräusch des fallenden Metalls hallte tief in das Innere des verlassenen Gebäudes hinein. Vielleicht war es dort drüben doch nicht ganz leer – hier und da war ein schabendes Rascheln zu hören. Ihre Taschenlampen schnitten durch das Dunkel und brachten Myriaden von Staubpartikeln zum Tanzen. An den Wänden des Korridors blätterte die türkisfarbene Farbe wie vertrocknete Haut ab. Und darunter: vereinzelte dunkle, eingetrocknete Spritzer. Einschusslöcher.
Er fuhr mit dem Zeigefinger die scharfkantige Eindellung in einem der Spinde nach. „Heftig. Kannst du dir vorstellen, von so einer Ladung voll getroffen zu werden?“
Keine Antwort.
„Miranda?“ Seine Stimme verkam zu einem hohlen Echo in den kalten Fluren. Jedes noch so kleine Geräusch schien in dieser Grabesstille doppelt so laut widerzuhallen.
Direkt an seinem Ohr ertönte plötzlich das hölzerne Tschack-Tschack einer durchladenden Schrotflinte. Er schreckte auf, prallte hart gegen die Spinde und fluchte laut: „Fuck! War doch klar!“
Das Lachen des Mädchens gellte schrill von den toten Wänden wider. Sie genoss seine Angst, legte die Arme um seinen Hals und zog ihn zu einem wilden Kuss heran. „Du machst es mir aber auch zu leicht. Komm, gehen wir weiter.“ Nun nahm sie seine Hand und zog ihn tiefer in die Dunkelheit.
Plötzlich schälte sich eine gebückte Gestalt mit einem Rucksack aus den Schatten und steuerte direkt auf sie zu. Hastig wich das Paar auseinander. Der schemenhafte Junge drehte den Kopf langsam zu ihnen um. „Tut mir leid…“, flüsterte er tonlos im Vorbeigehen. Als er an ihnen vorbei war, beleuchtete der Strahl ihrer Taschenlampe seinen Rücken: Ein klaffendes, zerfetztes Loch zwischen seinen Schulterblättern, der Stoff des Rucksacks war von der Schrotladung regelrecht zerfressen.
„Fuck!“, schrie Miranda auf und krallte sich in seiner Jacke fest. „Hast… hast du den Scheiß auch gesehen?!“
Er nickte nur stumpf und versuchte vergeblich, den dicken Kloß im Hals herunterzuschlucken. „Wir sollten gehen. Ganz raus, sofort.“
Die beiden kehrten um und eilten zurück zum Eingangstor – doch die durchtrennte Eisenkette war wieder wie von Geisterhand stramm um die Gitter gewickelt. „Was zum Teufel ist hier los?!“, schrie er und rüttelte panisch am Metall. Nichts bewegte sich.
Irgendwo da draußen, im nassen Gras auf der anderen Seite des Gitters, lag der Bolzenschneider – unerreichbar.
In ihrer puren Verzweiflung rannten sie tiefer in die Eingeweide der maroden Schule. Es roch unerträglich nass und muffig, nach Verfall, Schimmel und nackter Verwesung. Erst als sie sich der Sporthalle näherten, veränderte sich die Atmosphäre. Geisterhaft und seltsam verzerrt schwirrte der Song Gipsy von Fleetwood Mac durch den Raum. Er drückte Mirandas Hand so fest er konnte, während sie zögerlich durch die schwere Tür traten.
Durch die hochgelegenen, zerbrochenen Fenster der Tribüne fiel fahles Mondlicht in die Halle und spiegelte sich matt auf den Splittern einer am Boden zerschmetterten Discokugel.
Mitten im Raum tanzte die Gestalt einer jungen Frau. Sie trug ein pastellblaues Kleid, das sanft um ihre Beine wehte. Ihr blondes, lockiges Haar flog bei jeder Drehung durch die Luft und tauchte ihr Gesicht abwechselnd in Licht und Schatten.
„Ähm… hallo?“, seine Stimme zitterte so heftig, dass er kaum ein Wort herausbrachte.
„Oh, hi“, hauchte die Blondine mit einer sanften, beinahe melodischen Stimme. Mit dem nächsten Schritt schien sie die physikalischen Gesetze zu brechen – plötzlich stand sie direkt vor ihm. „Ich habe euch gar nicht bemerkt. Seid ihr neue Traumatouristen?“
Sie drehte den Kopf zu Miranda. Das Mädchen hielt den zittrigen Kegel der Taschenlampe starr auf das Gesicht der Erscheinung. Der helle Lichtstrahl enthüllte das nackte Grauen: Die linke Gesichtshälfte war zerfetztes, verkohltes Fleisch, in dem noch immer die schwärzlichen, glühenden Rückstände von Schrotkugeln steckten.
Die Taschenlampe entglitt Mirandas tauben Fingern, schlug auf den Boden auf und wirbelte Staub auf, während ein markerschütternder Schrei die Halle zerriss. Panisch stolperten die beiden rückwärts, stürmten auf die Flügeltüren zu – doch mit einem ohrenbetäubenden Knall schlugen die Türen vor ihren Nasen zu.
Im selben Moment riss der seichte Popsong im Hintergrund mit einem hässlichen Kreischen ab. Totenstille.
Sie wagten kaum, sich umzudrehen, als ein eiskalter Hauch ihre Nacken streifte und eine Stimme wie schabendes Glas ertönte: „Ihr habt keine Ahnung, wie es ist, hier festzustecken. Ihr verehrt die Schlampe, die das getan hat, noch immer. Deswegen seid ihr doch hergekommen, oder? Doch nun gibt es kein Entkommen mehr. Wir waren genau wie ihr. Jung, neugierig, geil. Wir haben uns auf den Abschlussball gefreut.“
Der Geist schwebte nun langsam um sie herum, ein unsichtbarer Druck zwang ihre Köpfe nach oben, sodass sie in ihr entstelltes Gesicht blicken mussten.
„Bitte! Es… es tut uns leid! Wirklich! Alles, was euch passiert ist!“, wimmerte der Junge schweißgebadet. „Genau! Es war grauenvoll, was man euch angetan hat. Besonders dir… ähm, Tiffany. Richtig?“ Pflichtete Miranda bei.
Nun verzog sich Tiffanys Gesicht zu einem grotesken, breiten Grinsen, das die freiliegenden Kieferknochen entblößte. „Es tut euch leid?“, krächzte sie, während zähflüssige, dunkle Tropfen von ihrem Kinn auf den Hallenboden klatschten. „Euch sollte eher leidtun, dass ihr uns stört! Dass ihr uns einfach nicht in Ruhe lasst! Nicht mal im Tod ist man vor euch Wichsern sicher!“
Ein tiefes, furchteinflößendes Dröhnen ließ den Boden erzittern. Aus den rissigen Wänden, aus den Schatten der Tribünen und dem staubigen Boden schälten sich nun mehrere Gestalten. Es waren die zerschundenen, blutüberströmten Körper der Schüler, des Lehrers, des Hausmeisters. Ihre leeren Augen fixierten das lebende Paar.
„Aber es ist Abschlussball“, flüsterte Tiffany, während sich ihre verbrannten Finger um die Hände der beiden legten, „also lasst uns tanzen!“
Draußen in der Nacht schlossen die wenigen verbliebenen Anwohner der Siedlung hastig ihre Fenster, um die gequälten, gellenden Schreie zu dämpfen, die noch stundenlang aus der alten Schule drangen.

